Der authentische Musiker

Aktualisiert: Jan 29


Der authentische Musiker Und das Argument, dass die künstlerische Qualität und Kreativität von «Auftrags»- oder «Kommerz»-Musik schlechter ist als die des nur vom Urinstinkt geleiteten Songwriters, der als 4-jähriger von der Ghettomüllhalde seine erste Gitarre geholt und sich danach jahrelang im Überlebenskampf und geplagt von unzähligen harten Schicksalsschlägen langsam nach oben gesungen hat und schliesslich auf einem Niveau angelangt ist, dass er sich wenigstens einigermassen in der Gesellschaft bewegen kann, aber nur so knapp, dass das Publikum richtiggehend applaudiert, wenn er dann doch wieder in seine Suchtprobleme abstürzt? Man höre doch einfach mal genauer hin und kommt zum Schluss: nein, dieses Argument zählt nicht. Aber diese Frage nach der «Authentizität» eines Musikers ist nach wie vor allgegenwärtig und findet sich in vielen Stilrichtungen wieder. Offenbar ist dies für einen grossen Teil der Musikkonsumenten tatsächlich ein Indiz, dessen Musik mehr zu mögen. Daher hat – nebst oft auch dem Künstler selbst – natürlich auch die Industrie grosses Interesse daran, ihn nicht als den Normalo darzustellen, der er eigentlich ist (da er ja nun als Musiker arbeitet und Geld verdient), sondern als unabhängigen, freiheitsliebenden und -lebenden Schöngeist, leicht gewürzt mit einer gewissen Tragik.

Beispiele für die Authentizitätsklischees: Blues: Wer nicht im Mississippi-Delta gelitten hat, kann keinen echten Blues spielen. Rock: Wer nicht Motorrad fährt und nicht mindestens 10 Frauen und 10 Flaschen Alkohol pro Tag geniesst, ist kein echter Rockstar. Singer-Songwriter/Soul: Am besten ist eine Mischung aus einer unglücklichen Kindheit, Drogenproblemen und mit 27 tot. Hip-Hop: Wer nicht in da hood im Wohnwagen aufgewachsen ist, gilt einfach nicht als «real». Reggae: Ein persönliches Drama ist nicht unbedingt nötig, aber es hilft, wenn du aus Jamaica kommst, Rastas hast und mindestens halb schwarz bist. Offenbar werten viele diesen Umstand bereits als genügend dramatisch. Britpop: Wer einmal einen festen Job hatte und seine Miete rechtzeitig bezahlen konnte, kann kein «working class hero» werden. Interessanterweise gibt es aber auch viele Musikstile, wo die persönliche Geschichte der Interpreten aus der Sicht des Publikums mehr oder weniger egal ist oder mindestens nicht an eine Tragödie oder an eine spezifische Herkunft geknüpft sein muss – obwohl diese Stars sehr wohl auch Selbstdarsteller sind, und sogar zum Teil sehr exzentrische. Beispiele: Pop, Funk, Ska, Punk, Metal, Progressive, Jazz. Noch interessanter: in sämtlichen Bereichen der elektronischen Musik scheint die Frage nach der Authentizität geradezu vollständig abwesend zu sein. Hier geben die Musiker teilweise sogar zu, dass sie eigentlich ein ganz normales Bünzlidasein führen und zufrieden sind mit ihrem Leben. Und, dies ist wirklich erstaunlich: dem Publikum macht das überhaupt nichts aus. Die Authentizitätsklischees um die persönlichen Schicksale der Musiker sind natürlich nicht alle erfunden und meistens wohl tatsächlich tragische Erlebnisse. Dass aber die künsterische Kreativität, Qualität und Leidenschaft von Musikern abhängig ist von solchen Lebensgeschichten, muss eindeutig verneint werden. Denn sonst wären ja alle, denen es einigermassen gut geht, und die ein einigermassen «normales» Leben führen, gar keine «echten» Musiker. Nein, in den meisten Fällen ist es einfach Teil der Show. Wenn man genauer hinschaut, sieht man denn auch immer wieder Musikschaffende, die diese Klischees durchbrechen und vor allem durch ihre Musik, aber auch ihre Eigenständigkeit Erfolg haben. Und: die Klischees sind erst durch die Medienvielfalt so richtig in Schwung gekommen, also sobald man neben dem Tonträger auch noch andere Geschichten erzählen konnte. Beispiel: ein echter Blues muss im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Vorstellung nicht zwingend leidend, depressiv und negativ sein. Das war vielleicht mal der Ursprung des Wortes, aber zu seinen Glanzzeiten war der Blues ganz einfach die Unterhaltungsmusik der afroamerikanischen Bevölkerung. Und da hatte es sehr wohl auch sehr «positive» und auch tanzbare Songs dabei. Und die Herkunft? Inzwischen egal. Die Zeiten, wo man World Music explizit den Musikschaffenden einer bestimmten Region zuordnen konnte, sind seit MP3 und der Globalisierung definitiv vorbei.

Play it again, Leeloop! Um den Bogen zu schliessen: Musik ist, wenn man sie spielt. Wenn man sie hört, spürt und lebt. Die persönlichen Geschichten der Musiker sind ebenso vielfältig wie ihre Songs und auf jeden Fall jede eine Geschichte für sich, entscheiden jedoch nicht darüber, wie «echt» ein Musiker ist. Einen «echten» Musiker erkennt man ganz einfach daran, dass er nichts lieber tut als ein Instrument zu spielen oder zu singen. Und diejenigen darunter, die das wirklich gut können und obendrein noch kreativ sind, die machen das dann zu ihrem Job und gehen damit Geld verdienen. Indem sie etwas spielen oder kreieren, das dem zahlenden Publikum gefällt. Also im Auftrag von. Als Coverband in Bars, als Tanzduo beim Unterhaltungsabend, als Bandcombo auf Tournee in Musikclubs, als Auftragssongwriter, als Band mit Plattenvertrag, als Studiomusiker etc.

DAS ist authentisch

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