Die Radiowüste Schweiz

Trotz YouTube und Facebook: Nummer eins der musikverbreitenden Medien ist und bleibt vorläufig das Radio. Die Radiostationen sind das wichtigste Instrument der Labels, ihre Songs dem Publikum nicht nur bekannt zu machen, sondern sie ihnen quasi so ins Ohr zu setzen, dass nach kurzer Zeit wirklich jeder sie kennt.

Wenn man hierzulande Popradio hört, fällt auf, dass zum einen das Angebot an gut empfangbaren Sendern nicht wahnsinnig gross ist, und dass zum anderen die Sender untereinander betreffend Programmangebot sich sehr ähnlich sind. Und der Radiotag wird dominiert von langweiligen Moderatoren, standardisierten News und glattgebügelten Beiträgen. Und Mainstream-Musik.

Private Radiosender gibt es in der Schweiz seit 1983. Deren Innovationsgeist von damals scheint aber schon längst verschwunden zu sein. Die einen Stationen haben sich zu grösseren, überregionalen Sendern zusammengeschlossen, andere wurden von Medienkonzernen aufgekauft, aber so viel sei gleich mal gesagt: es gibt heute insgesamt nicht weniger Radiosender als vor zwanzig Jahren. Und doch wirkt irgendwie alles sehr austauschbar; kaum einer der kommerziellen Sender sticht mehr mit einem eigenen Charakter heraus – sehr vieles wirkt sehr bieder, kaum etwas bewegt sich. Was ist geschehen? Nachfolgend einige Erläuterungen und Erklärungsversuche zu diesem Thema, zur Funktionsweise von kommerziellem Radio im Allgemeinen und dessen Beziehung zur Musikindustrie.


Die knappen Frequenzen Die Frequenzen der Radiostationen im UKW-Bereich (= Ultrakurzwelle) sind festgelegt auf zwischen 87,5 und 108,0 MHz (= Megahertz), und die Signale werden frequenzmoduliert (= FM) gesendet. Dieser Standard ist weltweit derselbe. Um gegenseitige Störungen zu vermeiden, teilt man die Frequenzen pro Region mit einem Unterschied von wenigstens 300 KHz auf die Stationen auf. Dies gibt theoretisch fast 70 mögliche Radiosender. Praktisch aber deutlich weniger, da es ja regionale, nationale und internationale Sender gibt, die sich auch nicht überschneiden sollen.

Diese Frequenzen sind inzwischen seit Jahren recht voll belegt. Und dass wir in der Regel trotzdem relativ wenige Sender über die Luft empfangen können, hat mit unseren vielen Hügeln und Bergen zu tun.

Die unerreichbaren Konzessionen Möchte man einen Radiosender betreiben und dafür eine freie Frequenz erhalten, brauchts eine Sendeerlaubnis des Bundesamtes für Kommunikation (BAKOM), die sogenannte Konzession. Ein Hauptauftrag des Bakom ist die Zuteilung der Frequenzen von Radiowellen auf die verschiedenen Nutzungsbereiche, beispielsweise Handynetze, Funknetze, und eben auch Rundfunknetze. Dass diese Netze in unserer Topografie möglichst lückenlos und störungsfrei funktionieren, ist keine leichte Aufgabe, und der Sendeaufwand entsprechend gross.

Freie Frequenzen im UKW-Bereich werden für potenzielle Radiosender ausgeschrieben, welche sich um eine Konzession bewerben können. Das Bewerbungsverfahren ist aufwändig, und die Anforderungen an die Seriosität, Durchführbarkeit und Unabhängigkeit der Radiokonzepte sehr hoch; das im Prinzip wichtigste Kriterium ist die Erfüllung des Leistungsauftrags, welcher da lautet, der Schweizer Bevölkerung eine möglichst breite Angebots- und Meinungsvielfalt bieten zu können.

Nun gut. Die Situation ist aber, dass sich deutlich mehr bewerben, als freie Frequenzen zur Verfügung stehen, was ja sowieso nur eine begrenzte, relativ kleine Zahl ist. Und da es eben auch um viel Geld geht, werden die Konzessionsentscheide nicht selten gerichtlich durch die Konkurrenten angefochten und ziehen sich entsprechend in die Länge. Um hier zu gewinnen, ist klar, dass eine gewisse Grösse oder ein Grosser im Hintergrund nicht von Nachteil sein kann. Und natürlich orientieren sich die eher Grossen eher an der Masse, also am Mainstream; dementsprechend ist dann auch das Programm entsprechend gestaltet und die Moderation entsprechend ausgewählt. Ja nicht anecken. Anders gesagt: eine Konzession (die kostet natürlich etwas) muss rentieren, und das langfristig; da genügt ein Nischenpublikum nicht. Man muss die innovativen Privatradio- und Jugendradio-«Freaks» aus den Achtzigern bis Mitte der Neunziger ganz einfach als Pioniere ansehen, die damals das Maximum aus dem neu zugänglichen Medium herausgeholt hatten.

Es gibt auch nicht-gewinnorientierte Sender: sie machen zwar etwa einen Fünftel der Anzahl Konzessionen aus, haben aber meistens nur eine lokale Sendeabdeckung in grösseren Ballungszentren, erreichen also tatsächlich nur ein Nischenpublikum. Online sieht es da anders aus: über Kabelnetz und Internet können weitaus mehr Sender empfangen werden. Da ist das Angebot auch entsprechend vielfältiger. Allerdings ist diese Art des Hörens gegenüber des immer noch meistverbreiteten, herkömmlichen «Durch-den-Äther» ebenfalls eher unbedeutend